Der Berg der Wahrheit ruft griechisch
Eine Tagungstradition der anderen Art: „Eranos“ auf
dem Monte Verità in Ascona
„Also mit den Nudisten haben wir auf jeden Fall nichts zu
tun“, das wollte die junge Studentin doch klargestellt wissen,
hoch oben auf der Terrasse des Monte-Verità-Hotels, vor dem
großzügigen Ausblick auf die Bucht von Ascona und den
in die Weite der Tessiner Berge sich hinstreckenden Lago Maggiore.
Wer erstmals
hierher kommt, um an einer Eranos-Tagung teilzunehmen, rechnet offenbar
zunächst mit Schlimmem, zumindest mit Ungewöhnlichem.
Steht doch der Name Monte Verità für ein Sammelsurium
seltsam anmutender Lebensentwürfe, die Zivilisationsflüchtlinge
aus dem Norden am Anfang des Jahrhunderts auf diesem Berg in die
Tat umsetzen wollten. Seine Namensgeber, Anhänger der deutschen
Lebensreformbewegung, die einen dritten Weg zwischen Kapitalismus
und proletarischer Revolution anstrebten, gründeten dort 1900
eine vegetarische Kolonie, suchten ihrer Utopie von einer freien
und möglichst naturnahen wie naturschonenden Entfaltung des
Individuums nachzukommen. Auch andere Alternativler wurden angezogen:
Anarchisten und Sozialisten, Land- und Körperreformer, Natur-
und Seelenheilkundler, Theosophen und Anthroposophen. Allerdings
nicht für lange, denn die Aura des Ortes lockte auch die kulturelle
Bohème, Dadaisten und Expressionisten, dann das Kapital,
Barone und Industrielle an. Ascona bekam das Image eines mondänen
Kurorts, der Monte Verità verschwand aus dem Mittelpunkt
des Interesses und wurde zum Mythos. Vom Geist der Aussteiger- und
Reformergeneration ist heute so gut wie nichts geblieben –
mit der Ausnahme von Eranos.
Eranos, das griechische Wort für ein Gastmahl, zu dem jeder
Geladene selber etwas beiträgt, wurde zur programmatischen
Überschrift einer wissenschaftlichen Tagungstradition ganz
besonderer Art, über die sich nachzudenken lohnt. Dies ganz
besonders in Zeiten, da die Zukunft der Wissenschaften mit ihrem
immer weiter verzweigten Spezialistentum und hektischer Überproduktion
zunehmend in Frage gestellt wird. Seit 1933 kommen Jahr für
Jahr in der zweiten Augusthälfte Forscher der verschiedensten
Disziplinen für zehn Tage in Ascona zusammen, um vor einem
interessierten Publikum zu einem möglichst weit gefassten Thema
einen Beitrag aus ihrem Spezialgebiet zu leisten. Die Anforderungen
an die Redner sind hoch: Sie müssen sich verpflichten, vom
Anfang bis zum Ende dabeizubleiben, sie müssen bereit sein,
einen ganzen Tag lang ihre Thesen zu vertreten, am Vormittag mit
einem zweistündigen Vortrag, am Nachmittag in einem Ende-offen-Gespräch
am Runden Tisch. Und sie bekommen dafür kein Honorar.
Die Teilnehmer empfinden eine Einladung als Ehre, und sie genießen
die Möglichkeit, ein Thema im Kreis von fachfremden Kollegen
umfassend erörtern zu können. Wer den üblichen Ablauf
von Symposien gewohnt ist – möglichst 30 Vorträge
in zweieinhalb Tagen, enzyklopädisch abgehandelt –, kann
sich vorstellen, wie diese ganz andere Atmosphäre begeistern
kann.
Vielmehr noch als durch den Ablauf unterscheidet sich Eranos vom
üblichen Tagungsbetrieb durch die Auswahl und Behandlung der
Themen. Hier wird es auf den ersten Blick in der Tat obskur. „Yoga
und Meditation im Osten und Westen“, „Ostwestliche Symbolik
und Lebensführung“, „Das hermetische Prinzip in
Mythologie, Gnosis und Alchemie“, so lauteten die Themen in
den Anfangsjahren. Da kann man durchaus den Eindruck bekommen, bei
Eranos handele es sich einfach um einen Verein von Eskapisten und
Spinnern. Immerhin fällt der Beginn der Tagungsreihe in das
Jahr der nationalsozialistischen Machtergreifung in Deutschland;
zu diesem Zeitpunkt möchte man meinen, hätte man über
Dringenderes nachdenken können.
Gegen solche Vorwürfe hat sich Eranos stets gewehrt. Die Gründerin,
Olga Fröbe-Kapteyn, die auf einem ihr gehörenden Grundstück
am Seeufer eigens einen Vortragssaal errichten ließ, wollte
eine internationale Begegnungsstätte schaffen mit dem „Ziel
einer Vermittlung zwischen Ost und West“, und das gerade in
einer Zeit, in welcher der Totalitarismus anderswo solche Gespräche
nicht mehr zuließ. Fröbe-Kapteyn, eine wissenschaftliche
Autodidaktin, die sich besonders für religionsvergleichende
und psychologische Fragestellungen interessierte erfuhr Unterstützung
für ihr Vorhaben von Martin Buber und C.G. Jung, die sie im
Umkreis der Monte-Verità-Bewegung kennenlernte. Besonders
Jung setzte sich für die Kontinuität der Treffen auch
während der Kriegsjahre ein, er entwickelte hier, bei den alljährlichen
Zusammenkünften, entscheidende Aspekte seines Werks.
Mensch und Natur
Nach dem Krieg entschloß sich Fröbe-Kapteyn, Eranos thematisch
zu erweitern, neben den Geisteswissenschaftlern auch Naturwissenschaftler
einzuladen – „gegen die künstlichen Grenzen des
Spezialistentums“. Der Vortrag „Biologie und Geist“
von Adolf Portmann1946, ein Jahr nach dem Zusammenbruch des deutschen
„Arierreiches“, zeugt von der kulturanthropologischen
Breite und dem spezifischen Humanismus, welche die Eranos-Tagungen
bestimmen. Karl Kerény, Hugo Rahner, Leo Baeck, Henry Corbin,
Mircea Eliade, Gershom Scholem, Paul Tillich, Toshihiko Izutsu sind
hierher gekommen; Vergleichende Religionswissenschaft, Sinologie,
Islamistik, Ägyptologie, Indologie, Chemie, Biologie, Physik,
Mythenforschung, Literaturwissenschaft, Philosophie, Zen-Buddhismus,
Mystik, Kabbalah sind die Disziplinen, aus denen die besprochenen
Themen gewählt werden: „Geist und Natur“, „Der
Mensch und das Schöpferische“, „Polarität
des Lebens“ – so lauten Titel der Nachkriegszeit.
Gerade für die aus Deutschland exilierten Juden wird Eranos
in diesen Jahren nach dem Krieg eine wichtige Anlaufstation; hier
können diejenigen, die nicht in das Land der Täter zurückkehren
wollen, im interkulturellen Austausch auch wieder an deutscher Kultur
teilnehmen; hier beispielsweise ist der Ort, an dem Gershom Scholem
erstmals öffentlich wieder in deutscher Sprache spricht.
Im Jahr 1962, nach dem Tod von Olga Fröbe-Kapteyn, wird der
Biologe Adolf Portmann Präsident der Eranos-Stiftung. Er nimmt
den Veranstaltungen den esoterischen Touch der Gründerjahre,
und er verteidigt in seinen Begleitworten immer wieder das spezifisch
Anti-Historische und doch Zeitgemäße der Eranos-Tagungen:
Besinnen will man sich darauf, dass das historische, lineare und
mechanistische Denken nur eine „besondere Entwicklungsweise“
des okzidentalen Menschen ist. Eurozentrismus und blind-aufklärerischer
Fortschrittsglaube werden in Frage gestellt, lange bevor es so etwas
wie eine Postmoderne gibt. Man sieht die Gefahr der „Verkümmerung
eines volleren Menschentums“, man will bewahren und ergänzen,
versteht sich bewusst als Gegenkultur zum modernen, immer weiter
in Spezialdisziplinen auseinanderfallenden Wissenschaftsbetrieb:
Bei Eranos soll das „Dauernde“, das „Ganze“,
der „archaische Mensch“ im Mittelpunkt stehen.
Und das ist gewiß nicht der „primitive“. Eranos,
so sagt es sein heutiger Vorsitzender Tilo Schabert, Politologe
an der Universität Erlangen/Nürnberg, kennzeichne die
Abwesenheit jeglicher Hybris und ideologischer Dogmatik. Eranos
– ein großes Laboratorium, eine sinnenfroh-mönchische
Akademie, in der respektvolle Neugier, wissende Bescheidenheit und
diskrete Präsenz vorherrschen. 1996 zum Beispiel. Französische,
japanische, amerikanische, italienische und deutsche Wissenschaftler
sind auf dem Monte Verità – dem neuen Tagungsort, nachdem
der Vortragssaal unten in Ascona nicht mehr zur Verfügung stand
– zusammengekommen, um über das Thema „Schuld“
zu sprechen, ein kleiner Kosmos von Koryphäen: Der Umwelt-
und Naturwissenschaftler Ulrich Müller-Herold trägt seine
Gedanken über das sittliche Versagen in der Wissenschaft vor;
der Philosoph Yûjirô Nakamura redet über die Idee
des Bösen in der japanischen Kultur, der Religionswissenschaftler
David Carrasco über die Schuldrethorik der Azteken. Heinz Halm.
Historiker und Nahost-Experte, ist zu hören über Schuld
und Buße im Ritual der Schiiten; der Philosphieprofessor Guiseppe
Zarone erzählt von den griechischen Mythen der Schuld und der
Ägyptologe Jan Assmann berichtet von Entsühnungsstrategien
im Alten Ägypten.
Eranos ist anders. Kein politisches Rechten, vielmehr Basisarbeit
leisten, nachdenken darüber, wie Dinge in eine Form eintreten,
die Tradition der Zivilisations- und Kulturmorphologie fortführen
in orientierungslosen Zeiten, in denen die Menschenrechte zum Politikersatz
geworden sind.
(aus:
Süddeutsche Zeitung vom 4. Sept. 1996)
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