Artikel von Hanna Leitgeb zur Eranos-Tagung 1996


Der Berg der Wahrheit ruft griechisch
Eine Tagungstradition der anderen Art: „Eranos“ auf dem Monte Verità in Ascona


„Also mit den Nudisten haben wir auf jeden Fall nichts zu tun“, das wollte die junge Studentin doch klargestellt wissen, hoch oben auf der Terrasse des Monte-Verità-Hotels, vor dem großzügigen Ausblick auf die Bucht von Ascona und den in die Weite der Tessiner Berge sich hinstreckenden Lago Maggiore.

Wer erstmals hierher kommt, um an einer Eranos-Tagung teilzunehmen, rechnet offenbar zunächst mit Schlimmem, zumindest mit Ungewöhnlichem. Steht doch der Name Monte Verità für ein Sammelsurium seltsam anmutender Lebensentwürfe, die Zivilisationsflüchtlinge aus dem Norden am Anfang des Jahrhunderts auf diesem Berg in die Tat umsetzen wollten. Seine Namensgeber, Anhänger der deutschen Lebensreformbewegung, die einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und proletarischer Revolution anstrebten, gründeten dort 1900 eine vegetarische Kolonie, suchten ihrer Utopie von einer freien und möglichst naturnahen wie naturschonenden Entfaltung des Individuums nachzukommen. Auch andere Alternativler wurden angezogen: Anarchisten und Sozialisten, Land- und Körperreformer, Natur- und Seelenheilkundler, Theosophen und Anthroposophen. Allerdings nicht für lange, denn die Aura des Ortes lockte auch die kulturelle Bohème, Dadaisten und Expressionisten, dann das Kapital, Barone und Industrielle an. Ascona bekam das Image eines mondänen Kurorts, der Monte Verità verschwand aus dem Mittelpunkt des Interesses und wurde zum Mythos. Vom Geist der Aussteiger- und Reformergeneration ist heute so gut wie nichts geblieben – mit der Ausnahme von Eranos.

Eranos, das griechische Wort für ein Gastmahl, zu dem jeder Geladene selber etwas beiträgt, wurde zur programmatischen Überschrift einer wissenschaftlichen Tagungstradition ganz besonderer Art, über die sich nachzudenken lohnt. Dies ganz besonders in Zeiten, da die Zukunft der Wissenschaften mit ihrem immer weiter verzweigten Spezialistentum und hektischer Überproduktion zunehmend in Frage gestellt wird. Seit 1933 kommen Jahr für Jahr in der zweiten Augusthälfte Forscher der verschiedensten Disziplinen für zehn Tage in Ascona zusammen, um vor einem interessierten Publikum zu einem möglichst weit gefassten Thema einen Beitrag aus ihrem Spezialgebiet zu leisten. Die Anforderungen an die Redner sind hoch: Sie müssen sich verpflichten, vom Anfang bis zum Ende dabeizubleiben, sie müssen bereit sein, einen ganzen Tag lang ihre Thesen zu vertreten, am Vormittag mit einem zweistündigen Vortrag, am Nachmittag in einem Ende-offen-Gespräch am Runden Tisch. Und sie bekommen dafür kein Honorar.

Die Teilnehmer empfinden eine Einladung als Ehre, und sie genießen die Möglichkeit, ein Thema im Kreis von fachfremden Kollegen umfassend erörtern zu können. Wer den üblichen Ablauf von Symposien gewohnt ist – möglichst 30 Vorträge in zweieinhalb Tagen, enzyklopädisch abgehandelt –, kann sich vorstellen, wie diese ganz andere Atmosphäre begeistern kann.

Vielmehr noch als durch den Ablauf unterscheidet sich Eranos vom üblichen Tagungsbetrieb durch die Auswahl und Behandlung der Themen. Hier wird es auf den ersten Blick in der Tat obskur. „Yoga und Meditation im Osten und Westen“, „Ostwestliche Symbolik und Lebensführung“, „Das hermetische Prinzip in Mythologie, Gnosis und Alchemie“, so lauteten die Themen in den Anfangsjahren. Da kann man durchaus den Eindruck bekommen, bei Eranos handele es sich einfach um einen Verein von Eskapisten und Spinnern. Immerhin fällt der Beginn der Tagungsreihe in das Jahr der nationalsozialistischen Machtergreifung in Deutschland; zu diesem Zeitpunkt möchte man meinen, hätte man über Dringenderes nachdenken können.

Gegen solche Vorwürfe hat sich Eranos stets gewehrt. Die Gründerin, Olga Fröbe-Kapteyn, die auf einem ihr gehörenden Grundstück am Seeufer eigens einen Vortragssaal errichten ließ, wollte eine internationale Begegnungsstätte schaffen mit dem „Ziel einer Vermittlung zwischen Ost und West“, und das gerade in einer Zeit, in welcher der Totalitarismus anderswo solche Gespräche nicht mehr zuließ. Fröbe-Kapteyn, eine wissenschaftliche Autodidaktin, die sich besonders für religionsvergleichende und psychologische Fragestellungen interessierte erfuhr Unterstützung für ihr Vorhaben von Martin Buber und C.G. Jung, die sie im Umkreis der Monte-Verità-Bewegung kennenlernte. Besonders Jung setzte sich für die Kontinuität der Treffen auch während der Kriegsjahre ein, er entwickelte hier, bei den alljährlichen Zusammenkünften, entscheidende Aspekte seines Werks.

Mensch und Natur

Nach dem Krieg entschloß sich Fröbe-Kapteyn, Eranos thematisch zu erweitern, neben den Geisteswissenschaftlern auch Naturwissenschaftler einzuladen – „gegen die künstlichen Grenzen des Spezialistentums“. Der Vortrag „Biologie und Geist“ von Adolf Portmann1946, ein Jahr nach dem Zusammenbruch des deutschen „Arierreiches“, zeugt von der kulturanthropologischen Breite und dem spezifischen Humanismus, welche die Eranos-Tagungen bestimmen. Karl Kerény, Hugo Rahner, Leo Baeck, Henry Corbin, Mircea Eliade, Gershom Scholem, Paul Tillich, Toshihiko Izutsu sind hierher gekommen; Vergleichende Religionswissenschaft, Sinologie, Islamistik, Ägyptologie, Indologie, Chemie, Biologie, Physik, Mythenforschung, Literaturwissenschaft, Philosophie, Zen-Buddhismus, Mystik, Kabbalah sind die Disziplinen, aus denen die besprochenen Themen gewählt werden: „Geist und Natur“, „Der Mensch und das Schöpferische“, „Polarität des Lebens“ – so lauten Titel der Nachkriegszeit.

Gerade für die aus Deutschland exilierten Juden wird Eranos in diesen Jahren nach dem Krieg eine wichtige Anlaufstation; hier können diejenigen, die nicht in das Land der Täter zurückkehren wollen, im interkulturellen Austausch auch wieder an deutscher Kultur teilnehmen; hier beispielsweise ist der Ort, an dem Gershom Scholem erstmals öffentlich wieder in deutscher Sprache spricht.

Im Jahr 1962, nach dem Tod von Olga Fröbe-Kapteyn, wird der Biologe Adolf Portmann Präsident der Eranos-Stiftung. Er nimmt den Veranstaltungen den esoterischen Touch der Gründerjahre, und er verteidigt in seinen Begleitworten immer wieder das spezifisch Anti-Historische und doch Zeitgemäße der Eranos-Tagungen: Besinnen will man sich darauf, dass das historische, lineare und mechanistische Denken nur eine „besondere Entwicklungsweise“ des okzidentalen Menschen ist. Eurozentrismus und blind-aufklärerischer Fortschrittsglaube werden in Frage gestellt, lange bevor es so etwas wie eine Postmoderne gibt. Man sieht die Gefahr der „Verkümmerung eines volleren Menschentums“, man will bewahren und ergänzen, versteht sich bewusst als Gegenkultur zum modernen, immer weiter in Spezialdisziplinen auseinanderfallenden Wissenschaftsbetrieb: Bei Eranos soll das „Dauernde“, das „Ganze“, der „archaische Mensch“ im Mittelpunkt stehen.

Und das ist gewiß nicht der „primitive“. Eranos, so sagt es sein heutiger Vorsitzender Tilo Schabert, Politologe an der Universität Erlangen/Nürnberg, kennzeichne die Abwesenheit jeglicher Hybris und ideologischer Dogmatik. Eranos – ein großes Laboratorium, eine sinnenfroh-mönchische Akademie, in der respektvolle Neugier, wissende Bescheidenheit und diskrete Präsenz vorherrschen. 1996 zum Beispiel. Französische, japanische, amerikanische, italienische und deutsche Wissenschaftler sind auf dem Monte Verità – dem neuen Tagungsort, nachdem der Vortragssaal unten in Ascona nicht mehr zur Verfügung stand – zusammengekommen, um über das Thema „Schuld“ zu sprechen, ein kleiner Kosmos von Koryphäen: Der Umwelt- und Naturwissenschaftler Ulrich Müller-Herold trägt seine Gedanken über das sittliche Versagen in der Wissenschaft vor; der Philosoph Yûjirô Nakamura redet über die Idee des Bösen in der japanischen Kultur, der Religionswissenschaftler David Carrasco über die Schuldrethorik der Azteken. Heinz Halm. Historiker und Nahost-Experte, ist zu hören über Schuld und Buße im Ritual der Schiiten; der Philosphieprofessor Guiseppe Zarone erzählt von den griechischen Mythen der Schuld und der Ägyptologe Jan Assmann berichtet von Entsühnungsstrategien im Alten Ägypten.

Eranos ist anders. Kein politisches Rechten, vielmehr Basisarbeit leisten, nachdenken darüber, wie Dinge in eine Form eintreten, die Tradition der Zivilisations- und Kulturmorphologie fortführen in orientierungslosen Zeiten, in denen die Menschenrechte zum Politikersatz geworden sind.

(aus: Süddeutsche Zeitung vom 4. Sept. 1996)

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