ERANOS
ist ein geistiges Fest, zu dem die Eingeladenen Eigenes mitbringen,
eine Rede zum Beispiel, oder ein Lied, einen Trunk, oder auch und
nicht zuletzt die Offenheit, beim gemeinsamen Gespräch in der
Runde schöpferisch zu improvisieren. Dies hatte der Religionswissenschaftler
Rudolf Otto im Sinn, als er der Initiatorin der Eranos-Tagungen
in Ascona (Tessin), der Holländerin Olga Froebe-Kapteyn, den
Namen ERANOS für jenes geistige und zivilisatorische Abenteuer
vorschlug, welches ihr vor mehr als 80 Jahren vorschwebte, und sie
dann auch 1933, in diesem Jahr, begann. Gelehrte ganz verschiedener
Herkunft und Ausrichtung versammeln sich für eine bestimmte
Zeit, acht Tage lang, leben zusammen an einem Ort und sprechen,
jede(r) zwei Stunden lang in einem Vortrag über das, was er
oder sie aus eigener Inspiration zu einem zuvor allgemein gestellten
Thema sagen möchte. "Yoga und Meditation im Osten und
Westen" lautete das Thema im ersten Jahr von ERANOS; in den
folgenden Jahren sprachen die Teilnehmer an der Table Ronde über
Themen wie "Gestalt und Kult der Großen Mutter",
"Die Mysterien", "Aus der Welt der Urbilder"
oder "Der Mensch und das Schöpferische".
Wer hätte 1933 geglaubt, daß die ERANOS-Tagungen in Ascona
von da an Jahr für Jahr (mit einer Unterbrechung: 1989) stattfinden
und in neuester Zeit zu Themen wie "Strukturen des Chaos"
(1991), "Macht des Wortes" (1993), "Die Wahrheit
der Träume" (1995) und die "Die Sprache der Masken"
(1998) fortgesetzt würden? Und wer hätte gedacht, daß
sich ERANOS in einer außerordentlichen kulturellen und methodischen
Diversität der Disziplinen – Vergleichende Religionswissenschaft,
Sinologie, Islamistik, Ägyptologie, Chemie, Biologie, Physik,
Mythenforschung, Indologie, Literaturwissenschaft, Politische Wissenschaften,
Philosophie, Zen-Buddhismus, Mystik, Kabbala, Neuplatonismus, Gnosis,
... – entfalten und gerade darin das Eine des menschlichen
Geistes in seiner Vielfalt lebendig machen würde?
Das Leben von ERANOS kommt aus der inspirierten Wissenschaft seiner
Redner. Bei deren Auswahl folgte Olga Froebe-Kapteyn einer klaren
Vorstellung. Wer bei ERANOS rede, "schaut in die Fülle
seiner inneren Gesichte und sucht sie in einer wissenschaftlichen
Form zu bändigen". Diese Verbindung von imaginativ-schöpferischem
und streng wissenschaftlichem Denken blieb für ERANOS das gültige
Prinzip. Daraus erklärt sich vielleicht, warum ERANOS die in
ihren Gebieten besonders innovativen Gelehrten anzog.
Mircea Eliade schrieb zu ERANOS: "On peut rapprocher cette
forme de création culturelle de certains 'cercles' de la
Renaissance italienne ou du Romantisme allemand". Wer einmal
die Geschichte von ERANOS schreiben wird, wird über diese oder
eine ähnliche Gedankenverbindung dann mehr sagen können.
Aber man geht gewiß nicht fehl, wenn man jetzt schon sagt,
daß seit nunmehr 70 Jahren mit einer ERANOS-Tagung immer wieder
das Wunder geschieht: die Entstehung eines Kosmos von Wissen, in
dem die Dinge, die sonst getrennt sind, zusammenkommen.
August
2003
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